Geometrie statt Masse: VAULTED denkt Betondecken neu
4. November 2026

Was ist das Problem, mit dem ihr euch befasst? Worin besteht die Nachhaltigkeitsherausforderung?
Decken gehören zu den materialintensivsten Bauteilen eines Gebäudes. Gerade bei mehrgeschossigen Bauten steckt ein grosser Teil von Beton und Bewehrungsstahl in den Decken. In typischen Hochhäusern können sie rund 40 Prozent des Gebäudegewichts ausmachen.
Herkömmliche Betonflachdecken sind gerade Platten, die ihre Tragfähigkeit vor allem aus zusätzlichem Material gewinnen. Je grösser die Spannweite und je höher die Lasten, desto mehr Beton und Stahl werden benötigt. Das ist bewährt, führt aber zu hohem Eigengewicht, hohem Ressourcenverbrauch und entsprechend hohen CO₂-Emissionen.
Diese Bauweise birgt ein zentrales Problem: Ein erheblicher Teil der Masse einer Decke wird allein dafür benötigt, dass die Decke sich selbst tragen kann. Je schwerer die Decke, desto mehr Material wird zudem oft auch in Stützen, Wänden und Fundamenten benötigt. Da viele Gebäude auch künftig auf Betontragwerke angewiesen sein werden, stellt sich hier eine zentrale Frage für eine nachhaltigere Bauindustrie: Wie lässt sich dieselbe Tragfunktion mit deutlich weniger Material erreichen?
Was ist euer Lösungsansatz / die Innovation?
VAULTED verfolgt mit dem Rippmann Floor System (RFS) einen anderen Ansatz: Die Decke wird nicht als flache, massive Platte gedacht, sondern als leicht gewölbte Struktur. Ihre konkav geformte Unterseite macht sichtbar, wie die Kräfte anders durch das Bauteil geleitet werden. Ähnlich wie bei historischen Gewölben oder Bogenbrücken nutzt das System die Form, um Lasten effizienter über Druck abzutragen. Dadurch kann ein signifikanter Teil der Materialmasse ersetzt werden, die bei herkömmlichen Betondecken sonst nötig wäre.
Die einzelnen Elemente werden digital geplant, im Werk vorgefertigt und auf der Baustelle zu einer zusammenhängenden Decke montiert. Das System lässt sich an unterschiedliche Gebäudetypen und Anforderungen anpassen, etwa Büro-, Gewerbe-, Industrie- und öffentliche Gebäude, aber auch beispielsweise Datenzentren oder Parkhäuser. Ein anschauliches Praxisbeispiel ist CreaTower I in Zug: Dort kommt das RFS in einem mehrgeschossigen Büroprojekt zum Einsatz und zeigt, wie die Idee einer materialeffizienten Decke in einen realen Bauablauf übersetzt wird.
Wichtig ist dabei: Eine Decke muss nicht nur tragen. Sie muss auch Anforderungen an Brandschutz, Schallschutz, Schwingungen, Gebäudetechnik und Montage erfüllen. Deshalb entwickelt VAULTED das RFS als vollständiges Deckensystem mit unterschiedlichen Konfigurationen und abgestimmten Details. Der Anspruch ist, eine deutlich material- und emissionsärmere Betondecke anzubieten, die für reale Bauprojekte planbar, normgerecht umsetzbar und wirtschaftlich sinnvoll ist.
Was ist der Impact?
Der ökologische Hebel liegt in der Materialeffizienz. Gegenüber einer konventionellen Betonflachdecke kann das RFS je nach Projekt und Vergleichsannahmen mit deutlich weniger Beton und Stahl auskommen. VAULTED gibt für geeignete Anwendungen bis zu zwei Drittel weniger Beton, bis zu 90 Prozent weniger Stahl und bis zu 75 Prozent weniger gebundene CO₂-Emissionen an. Das geringere Gewicht kann zudem den Materialbedarf in Stützen, Wänden und Fundamenten senken, wodurch der ökologische Fussabdruck des gesamten Gebäudes massiv gesenkt werden kann.
Über die Nutzung hinaus ist die Konstruktion auf Kreislauffähigkeit ausgelegt. Die vorgefertigten Elemente lassen sich demontieren; weil die Materialien getrennt bleiben, können sie wiederverwendet oder sortenrein verwertet werden.
Wenn Bauteile ihren Wert behalten, ändert sich, wie man Gebäude wirtschaftlich betrachtet. Zirkuläre Bauteile bleiben als Vermögenswert in der Bilanz stehen, das eröffnet neue Finanzierungs- und Geschäftsmodelle entlang der ganzen Wertschöpfungskette.
Kreislauffähigkeit wird damit nicht nur eine Umweltfrage, sondern eine messbare, wirtschaftliche Eigenschaft eines Gebäudes. Rückbau wäre dann nicht mehr das Ende eines Gebäudes, sondern der Anfang eines neuen Geschäftsmodells.

Beitrag von Siegfried Fiedler
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